Die Hitliste des Jahres 2010

Was waren die Knüller im Kinojahr 2010? Im folgenden Beitrag meine Hitliste aus dem Jahr 2010. Die Liste legt keinen Wert auf Vollständigkeit und basiert lediglich auf meiner Einzelmeinung, herangezogen werden Filme mit Kinostart 2010.

Platz 1: Enter the Void

Für mich war „Enter the Void“ von Gaspar Noé der beste Film im Kinojahr 2010. Kein Film hat mich derart fasziniert und zum Nachdenken angeregt. Der höchst experimentelle Film erzählt die Geschichte von Oscar, der sich in Tokio seinen Lebensunterhalt durch Drogenverkauf finanziert. Bei einer Razzia wird er von der Polizei erschossen. Sein Körper ist tot, doch seine Seele wandert in einem halluzinatorischem Trip durch Tokio und begleitet u.a. seinen Schwester Linda. Der Trip wird immer faszinierender und seine Seele drängt langsam ins Jenseits. Kein Film hatte 2010 ein derart faszinierndes Konzept, gepaart mit spektakulären Bilder. Der Tod von Oscar ist der ultimative Trip und einfach sehenswert.

Platz 2: Monsters

Eher Liebes- als Monsterfilm, doch „Monsters“ fasziniert gerade wegen diesem Mix. Enorm intensiver und spannender Genremix, der trotz Minimalbudget atemberaubende Bilder liefert. Monsters ist eine Filmperle und zählt zu den Highlights 2010.

Platz 3: Bad Lieutenant: Cop ohne Gewissen

Nicolas Cage als Cop ohne Gewissen, der durch Drogen seine ständigen Rückenschmerzen bekämpfen will und dabei die Kontrolle in seinem Job verliert. Werner Herzog liefert uns hier ganz großes Kino mit einem fulminant aufspielenden Nicolas Cage.

Platz 4: Machete

Hervorragendes B-Movie von Robert Rodriguez.

Platz 5: The Town

Ben Affleck sollte man sowohl als Schauspieler als auch als Regisseur nicht unterschätzen. The Town ist ein gelungener Gangsterfilm.

Platz 6: Buried – Lebendig begraben

Vermutlich der spannenste Thriller 2010. Ryan Reynolds wird in einer engen Holzkiste begraben. Packend!

Platz 7: 22 Bullets

Jean Reno besinnt sich auf seine Qualitäten. Als alternder Mafiaboss holt er zum letzten Schlag aus, um seine Familie zu beschützen.

Platz 8: Inception

Natürlich darf dieser Film auch nicht fehlen.

Platz 9: Crazy Heart

Jeff Bridges als alternder Country-Star. Legendär.

Platz 10: The Social Network

Gelungenes Portrait über die heutige Jugendkultur mit Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg, der auffällig viel an Gordon Gekko erinnert. Guter Film.

alle Bilder sind Eigentum des jeweiligen Studios.

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Centurion

Nach dem Horrorspektakel „The Descent“ und dem apokalyptischen „Doomsday“ wendet sich der britische Regisseur Neil Marshall mit „Centurion“ erstmals der Verfilmung eines historischen Stoffes zu. Dabei legte er wenig Wert auf die detailgetreue Wiedergabe der historischen Vorlage, sondern vielmehr auf seine filmische Freiheit. Die Geschichte dreht sich um die in Britannien stationierte 9. Legion des römischen Reiches. Die Römer befinden sich im Jahre 117 n.Chr. im Vormarsch durch ganz Europa, doch im Norden Britanniens erleben sie immer wieder Rückschläge durch den kampferprobten Stamm der Pikten. Durch schnelle, effektive Guerillaangriffen kann sich der keltische Stamm den römischen Invasoren erwehren. Der britischen Governors Agricola (Paul Freeman) schickt daraufhin die glorreiche 9. Legion unter Titus Flavius Virilius (Dominic West) in den Kampf, mit dem Auftrag Gorlacon (Ulrich Thomsen), den Anführer der Pikten, zu eliminieren und somit deren Kampfgeist zu brechen. Als Führerin durch das Gebiet der Pikten stellt Agricola die stumme Etain (Olga Kurylenko) an die Seite der 9. Legion. Diese verrät die Römer jedoch und lockt die Männer in einen Hinterhalt. In einer blutigen Schlacht überleben lediglich 7 Legionäre um Zenturio Quintus Dias (Michael Fassbender), Virilius wird entführt. Die dezimierte Truppe will ihren Anführer aus den Griffen der Barbaren befreien. Doch Etain ist ihnen stets dicht auf den Fersen und wird nicht eher ruhen, bis alle Römer tot sind.

Die genauen Geschehnisse über die wirklich existierende 9. Legion sind unbekannt. Genau werden wir diese Geschichte niemals kennen, Neil Marshall benutzt sie jedoch um einen Actionfilm im Historiengewand zu inszenieren. Begleitet von stimmungsvollen Aufnahmen des kalten, schottischen Hochlandes und einer ordentlichen Portion Blut, erzählt Marshall eine höchst spannende Geschichte aus der Sicht des namensgebenden Zenturio Quintus Dias. Zunächst gefangengenommen und verschleppt durch die Pikten, schließt er sich nach seiner Flucht der 9. Legion an und gerät direkt in den Bann des charismatischen Virilius. Die Schauspieler machen ihre Sache außerordentlich gut, Dominic West (bekannt aus „300“) wirkt in seiner Rolle fast maßgeschneidert und auch Olga Kurylenko überzeugt als schöner und stummer Racheengel der Pikten. Zimperlich geht der Regisseur mit seinen Darstellern in den Kampfszenen jedoch nicht um, ständig wird CGI-Blut eingesetzt und Körperteile fliegen nur so durch die Gegend. Im Endeffekt ist das aber nur eine Form, um die tatsächlich vorhandene Gewalt eines solchen Gemetzels entschieden darzustellen und nicht Hollywood-Schlachtenepen mit FSK 12 zu produzieren. Die deutsche Version ist glücklicherweise uncut und die deutsche Bluray-Veröffentlichung weißt zudem eine durchgehend hohe Bildqualität auf.

Neil Marshall legt auch mit „Centurion“ wieder einen handwerklich sehr gut gemachten Actionfilm vor. Der Film lebt neben seinen rohen Schlachten viel davon, dass die Story spannend und die Charaktere gut gezeichnet sind. Spätestens als der Rettungsversuch misslingt und die Römer tief hinter feindlichen Linien von der erbarmungslosen Etain gejagt werden, steigt der Spannungsbogen stetig an. Wir sind gespannt auf weitere Werke des britischen Regisseurs. „Centurion“ beweist Marshalls Talent, Actionfilme in jedem Gewand inszenieren zu können. Nach dem grandiosen Horror-Spektakel „The Descent“ und dem opulenten Endzeit-Actionfilm „Doomsday“ ist sein neuer Film wiedereinmal eine rundum spannende und gelungene Sache.

Fazit: Brachialer und spannender Actionfilm im historischen Gewand

Daher:

Meine Wertung: 4/5

Centurion, UK 2009, Regie: Neil Marshall, mit: Michael Fassbender, Dominic West, Olga Kurylenko, Noel Clarke, David Morrissey, JJ Feild; FSK 18

Trailer:


The House of the Devil

Studentin Samantha (Jocelin Donahue) will endlich aus dem Wohnheim ausziehen und hat bereits ihre Wunschwohnung gefunden. Um sich den Umzug leisten zu können sucht sie dringend einen Nebenjob. Am schwarzen Brett auf dem Campus findet sie ein Babysittergesuch und meldet sich bei dem mysteriösen Mr. Ulman (Tom Noonan). Trotz anfänglicher Skepsis nimmt sie das Angebot an und fährt gemeinsam mit ihrer Freundin Megan (Greta Gerwig) zu dem abgelegenen Haus der Ulmans. Schnell stellt sich heraus, dass die Ulmans kein Kind haben, Samantha soll stattdessen auf die Schwiegermutter aufpassen. Diese soll körperlich noch recht fit sein und sich selbst versorgen können, sodass Samantha nur im Notfall einschreiten müsste. Das Angebot von 400 Dollar für vier Stunden Aufsicht ist für den ersehnten Umzug sehr wichtig, sodass sie einwilligt. Als die Ulmans aufbrechen und auch Megan wegfährt bleibt Samantha zurück. Schnell merkt sie, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt, mysteriöse Geräusche beunruhigen die junge Studentin und von der älteren Damen fehlt jede Spur.

Regisseur Ti West dürfte den meisten Filmfans noch durch das grottenschlechte „Cabin Fever 2“ in schmerzvoller Erinnerung sein. In „The House of the Devil“ beweist uns der Regisseur jedoch, dass er durchaus Talent besitzt. Mit seinem neuen Film versetzt uns West tief in die Zeitperiode der 1980er. Anstatt sich den aktuellen Horrortrends anzupassen, serviert uns West eine Hommage an längst vergangene Gruselfilme. Angefangen von den Frisuren, über die musikalische Untermalung bis hin zum stilechten Walkman ist der Film auf Retro getrimmt. Die Schauspieler agieren in dieser Detailverliebtheit hervorragend. Besonders die Hauptdarstellerin Jocelin Donahue macht ihre Sache gut und erweckt Sympathien beim Zuschauer.

Die Story ist spannend erzählt, die Atmosphäre entwickelt sich langsam über die Distanz des Filmes. Wer einen Splatterfilm mit hohem Bodycount erwartet ist freilich fehl am Platz. Bis zur letzten Viertelstunde passiert reichlich wenig, der Film lebt bis dato von seiner Atmosphäre. Dies funktioniert erstaunlich gut. Knarrende Dielen und ein großes, alleinstehendes Haus sorgen für viel Spannung. Ti West hat ein Gespür dafür, wie er die Kamera einsetzen muss, um eine bedrohliche Atmosphäre kreieren zu können. Am Ende kommt es dann zum großen Showdown, bei dem auch ein Dämon nicht fehlen darf. In der letzten Viertelstunde wird alles abgerufen, was den damaligen Okkultfilm ausmachte. Das Finale ist dabei auch überraschend blutig.

„The House of the Devil“ ist ein erfreulich unmoderner Film und wird allein dadurch die Meinungen spalten. Den Einen wird die langsame Storyentwicklung missfallen, den Anderen auch die wenig originelle Story. Wer jedoch gerne ältere Grusel- und Okkultfilme schaut, der wird mit „The House of the Devil“ seine wahre Freude haben. Der Film ist ein spannender Horrortrip im Retrolook. Wer Ti Wests Hommage an den klassischen Horrorfilm wirklich genießen will, der sollte jedoch einen Bogen um die deutsche Synchronisation machen. Die wäre selbst für damalige Verhältnisse ziemlich mies. Der Originalton ist da deutlich besser. Ansonsten sollte man dem Film unbedingt eine Chance geben.

Fazit: Spannender Retro-Grusel

Daher

Meine Wertung: 3,5/5

The House of the Devil, USA 2009, Regisseur: Ti West; mit: Jocelin Donahue, Tom Noonan, Mary Woronov, Greta Gerwig; FSK 16

Trailer:


Antichrist

Das Pärchen (Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe) merkt beim gemeinsamen Geschlechtsakt nicht, wie ihr Kind auf die Fensterbank klettert und hinunterstürzt. Betroffen vom Tod des Kindes erleidet die Frau einen schweren Schock und bricht bei der Beerdigung zusammen. Der Mann arbeitet als Therapeut und will seine Frau selbst behandeln. Gemeinsam fahren sie zu einer einsamen Waldhütte im „Garten Eden“. Die Frau soll sich dort ihren Ängsten stellen und ihre Trauer verdrängen. Der Heilungsversuch schlägt jedoch fehl, das Paar verstrickt sich immer mehr in Verzweiflung und Selbsthass. Immer tiefer versinken beide Personen in einem Teufelskreis aus Sex und Gewalt, der ziemlich schnell lebensbedrohliche Züge annimmt.

Bereits in der stimmungsvollen schwarz-weißen Eröffnungsszene wird die verstörende Wucht des neuen Films des dänischen Regisseurs Lars von Trier erkennbar. Hilflos muss der Zuschauer in Zeitlupe den Sprung des kleinen Kindes aus dem Fenster miterleben, eine Szene die stilistisch einem Albtraum gleicht. Währenddessen geben sich die Hauptprotagonisten einer fast pornographischen Sexszene hin, die den inneren Zusammenhang zwischen Sexualität und Tod bzw. Zeugung und Sterben verdeutlicht. Lars von Trier schuf seinen Film „Antichrist“ während er selbst unter Depressionen litt. Die filmische Darstellung entspricht daher sehr den eigenen Ängsten des Regisseurs. Herausgekommen ist ein polarisierendes und verstörendes Werk, dass zu Recht bei den 62. Filmfestspiele in Cannes mehr Aufmerksamkeit erregte als der neue Tarantino.

Besonders die explizite Darstellung von Sex und Gewalt dürfte leichtbeseitete Zuschauer allzu oft erschrecken. Hierbei verkommt die Gewalt aber nicht zum Selbstzweck, sondern konkretisiert die Natur des Menschen. Der Film erstreckt sich über weite Teile als Symposium über den Menschen und über das natürlich Schlechte in der Natur. Der vermeintliche Garten Eden entpuppt sich immer mehr als zerstörtes Paradies. Ein sprechender Fuchs kündigt das Unheil an, aus einem Nest fällt ein Jungtier und wird später von der eigenen Mutter verschlungen. In höchst verstörenden, aber gleichfalls schönen und beeindruckenden Bildern verwandelt sich die Natur in eine allumgebende Gefahr. Die Frau hat diese Sichtweise längst akzeptiert, aber ihr Mann merkt nicht, was in ihr vorgeht. Bereits bei ihrem letzten Besuch in der Hütte hatte sie Nachforschungen in alten, kirchlichen Texten angestellt und ist nun von der bösen Natur der Frau überzeugt. Als die Frau erkennt, dass sie nicht von den Schrecken ihrer eigenen Natur fliehen kann, beginnt sie, offensiv dagegen vorzugehen.

„Antichrist“ verstört. Immer wieder tauchen okkulte Symbole am Rande des Geschehens auf. Im Endeffekt bleibt der Film jedoch ein Kunstwerk über Verlust, Depression und Bindungsängste. So wird im Verlauf des Filmes deutlich, dass die Frau bereits früh das Gefühl hatte, dass sich ihr Kind und ihr Mann von ihr entfernen würden. Bereits früh hatte sie ihr Kind misshandelt. Lars von Trier verarbeitet darin sein verstörendes Frauenbild und stellt sein Werk auch in einen Kontext mit der Gewalt und dem Hass gegenüber Frauen, am Ende bleibt jedoch unklar inwieweit sie eine Gefahr für das Kind war. Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe spielen die Rollen richtig intensiv und besonders im Finale wird die schauspielerische Klasse beider Personen erkennbar.

Zusammenfassend ist „Antichrist“ ein verstörender Trip durch großartige Bildwelten und zugleich ein aufwendiges Autorenkino. Sicherlich ist dieser Film schwere Kost und man sollte ihn sich möglichst oft anschauen. Lars von Trier liefert uns jedoch auch ein filmisch herausragendes Werk, dass der Hölle auf Erden ein Kunstwerk setzt. Im Finale kommen die zerstörerischen Ängste des Menschen zum Vorschein, angetrieben von Depressionen und Verlustängsten versucht die Frau die Natur in der Form der Männlichkeit ihres Mannes und ihrer eigenen Weiblichkeit zu bekämpfen. Die Natur als Gegenspieler gegen die Menschlichkeit. Ein starkes Stück Film. Empfehlenswert.

Fazit: Antichrist ist ein verstörender, intensiver und zugleich herausragender Film über die menschliche Natur.

Daher

Meine Wertung: 5/5

Antichrist, Dänemark, Deutschland 2009; Regisseur: Lars von Trier; mit: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg; FSK: 18

Trailer:

Splice – Das Genexperiment

Clive (Adrien Brody) und Elsa (Sarah Polley) gehören zu den Vorreitern in der modernen Gentechnik. Zu ihrem Spezialgebiet gehört die Kreuzung mehrerer Tierarten zur Erschaffung neuer Nutztiere für die Medikamentenproduktion. Nachdem zwei klumpemförmige neue Lebewesen erschaffen wurden, wollen die zwei Wissenschaftler endlich auch Menschengene einsetzen. Dies stößt bei ihrem Arbeitgeber, dem Pharmaunternehmen N.E.R.D., jedoch aus moralischen Gründen auf Ablehnung. Kurzerhand starten sie trotzdem einen eigenen Versuch und lassen das Wesen im Labor unbeobachtet wachsen. Clive will das Wesen töten, doch Elsa weigert sich. Das Wesen wächst rasant und erhält deutliche menschliche Züge. Die vermeintlichen Ersatzeltern geben ihm den Namen Dren (Delphine Chanéac). Doch mit zunehmendem Wachstum wachsen auch die Probleme. Dren beginnt ihren eigenen Willen zu entwickeln und kann von den Wissenschaftlern bald nicht mehr kontrolliert werden.

Regisseur Vincenzo Natali, bekannt bei Insidern unter anderem durch seine Filme „Cube“ und „Cypher“, liefert uns mit „Splice“ einen Thriller über Moral und Tücken der Gentechnik. Wer nach dem reißerischen Trailer einen waschechten Horrorfilm und Splatter wie „Species“ erwartet, dürfte enttäuscht werden. Natali orientiert sich zwar deutlich am klassischen Monsterfilm, schuff aber vielmehr ein intelligentes und intensives Kammerspiel zwischen den einzelnen Protagonisten, welches besser als Drama funktioniert. Technisch bewegt sich der Film auf einem ziemlich hohem Niveau. Die Effekte und die Kreaturenentwicklung sind gelungen, das Set und die Beleuchtung sorgen für die richtige Atmosphäre.

Adrien Brody und Sarah Polley spielen das Wissenschaftlerpärchen überaus überzeugen. Dies ist auch nötig, da der Film ansonsten bei der Vielzahl skurriler Szenen ins Lächerliche abgerutscht wäre. Die beiden Wissenschaftler merken im Verlauf der Story ziemlich schnell, dass sie mit der Erschaffung von Dren eine Grenze überschritten haben, die jenseits der eigenen Moralvorstellung liegt. Dabei setzt der ganzen Film mehr auf die psychologischen Beweggründe der beiden Protagonisten, als auf Schockeffekte und Blut. Die Gentechnik wird in einen Kontext mit der Moral des Menschen gesetzt. Natali fertigte seinen Film als Plädoyer gegen die gottähnliche Machtstellung mancher Wissenschaftler, die Embryos und Klon-Schafe in Reagenzgläsern heranzüchten. Die Risiken der Gentechnik für die menschliche Spezies müsste mit den Nutzen, also z.B. mit der Medikamentenerzeugung verglichen werden. Eine Thematik, die auch hierzulande, nicht zuletzt durch grüne Gentechnik auf den Feldern und durch Patente auf Lebewesen immer wieder für Sprengstoff in den Medien sorgt.

Durch seine realistischen Hintergründe gewinnt der Film an Intensität. Das menschliche Genom ist entschlüsselt. Tiere werden bereits seit einigen Jahre geklont. Man darf sich somit fragen, wann der nächste Schritt folgt. Natali liefert als Kritiker dieser Entwicklung ein unumstößliches, heftiges Ende ab, dass zeigen soll, dass wir die Gentechnik längst nicht mehr kontrollieren können. Als Dren immer schneller heranwächst, nehmen Elsa und Clive ihre Schöpfung aus dem Labor und verstecken sie auf einer abgelegenen Farm. Doch Dren wird unumgänglich erwachsen, will endlich raus in die Welt, beginnt sogar die Geschlechtsreife zu entwickeln und umgarnt Clive. Auch Elsa hat ihre ganz eigenen Motive. Der geneigte Filmfan kann das Ende vorhersehen.

„Splice“ ist eine intensive und dunkle Vision der Wissenschaft. Über weite Strecken packend inszeniert, lässt alleinig das Finale ein wenig zu wünschen übrig. Der Rest ist angenehm innovativ gelungen und macht aus Natalis neuem Film einen rundum gelungenen Beitrag. Fern von Splattern wie „Species“ oder „Re-Animator“ siedelt sich „Splice“ im Bereich eines ernsthaften Horrordramas an. Mit der starken Besetzung durch Oscarpreisträger Adrien Brody wirkt der Film zudem glaubhaft. Einige Längen und das konventionelle Ende verhindern jedoch eine noch höhere Wertung.

Fazit: „Splice“ ist ein düsterer und intensiver Beitrag zur Gentechnik-Debatte. Fern von Horrorreißern liefert uns Vincenzo Natali ein beklemmendes und empfehlenswertes Horrordrama.

Daher

Meine Wertung: 3,5/5

Splice, Frankreich/Kanada 2009, Regie: Vincenzo Natali; mit: Sarah Polley, Adrien Brody, Delphine Chanéac, David Hewlett, Brandon McGibbon

Trailer:

In eigener Sache: Neue Domain

Ab sofort ist dieser Blog auch unter der Adresse http://www.wildwuchs-film.de erreichbar. Alternativ auch unter http://www.wildwuchs.org. Ich hoffe damit auf eine bessere Erreichbarkeit.

Viel Spaß beim weiteren Lesen.

Rampage

Bill  Williamson (Brendan Fletcher) ist ein normaler junger Erwachsener, der sich mit Anfang 20 sein Geld als Mechaniker in einer Autowerkstatt verdient. Er lebt noch bei seinen Eltern (Matt Frewer, Lynda Boyd), die ihn vehement auffordern, doch endlich auszuziehen und sich an einem College zu bewerben. Doch was in Bill brodelt ahnt niemand, weder seine Eltern noch sein bester Kumpel Evan (Shaun Sipos). Globale Erwärmung, Welthunger, Überbevölkerung und maßloser Konsum: Bill hat die Schnauze voll. Genervt von seiner Umwelt plant er einen Rachefeldzug, um sich endlich an der Gesellschaft zu rächen. Bewaffnet mit Maschinenpistolen und Sprengstoff schaltet er zunächst die Polizeistation aus, bevor er an der Zivilbevölkerung Rache übt.

Uwe Boll ist wieder da. Der von vielen Kritikern als schlechtester Regisseur aller Zeiten belächelte Boll ist beschäftigt wie eh und je bringt in nächster Zeit gleich mehrere Projekte auf DVD heraus. Darunter ist neben Rampage auch der Film Darfur angekündigt, der sogar von Amnesty International gelobt wurde. Mit Rampage setzt uns der Hollywood-Regisseur aus dem deutschen Wermelskirchen nun jedoch erstmal einen kompromisslosen und gnadenlosen Actionfilm vor, der nur bedingt als Drama funktioniert. Rampage schockiert und legt das Thema Amoklauf auf einen neuen Messwert. Die Qualität dieses Filmes dürften selbst eingefleischte Kritiker nicht verneinen können.

Rampage geht einen anderen Weg als vergleichbare Amok-Thriller wie „Falling Down“. An die Stelle eines ausgeklügelten Psychospiels tritt beinharte und schonungslose Gewalt. Die Gründe für den Amoklauf werden in Fetzen in den Film eingestreut, in denen Bill mit der Kamera spricht und seine Motive erläutert. Rampage stellt das Thema Amoklauf damit auf den Kopf und bewegt sich vom klassischen Drama zu einem Actionfilm in B-Movie Optik hin, eingestreut mit fragmentarischer Gesellschaftskritik. Die Beweggründe des Hauptdarstellers bleiben im Grunde ziemlich offen. Genervt von seiner monotonen Arbeit und seinen Mitmenschen sieht der Zuschauer Bill bei seinen Vorbereitungen für den anstehenden Racheakt zu. Der Zuschauer wird unvermeidlich auf den großen Showdown vorbereitet. Dabei funktioniert Rampage ziemlich gut, er provoziert und zeigt viele Dinge, die in der Welt nicht stimmen. Als der Showdown beginnt, gibt es kein Erbarmen, weder bei Bill Williamson mit seinen Opfern, noch beim Zuschauer. Die eingesetzt Wackelkamera verleiht dem Geschehen eine unausweichliche Nähe und eine hohe Intensität. Zusätzlich gibt es einige einprägende Szenen, wie Bill z.B. in voller Montur ein Bingo-Kaffee betritt und von den Rentner noch nichtmal bemerkt wird. Das Ende ist überraschend und überzeugt.

Die deutsche Version des Filmes verfehlt jedoch aufgrund der Zensur ein Vielfaches ihrer Wirkung. Die FSK hat Bolls Werk nicht ungeschnitten freigeben und so wurde der Regisseur gezwungen, nicht nur in der Brutalität, sondern auch storytechnisch bei den aufgebrachten menschenverachtenden Motiven der Tat zu kürzen. Der deutschen Version fehlen fast 5 Minuten. Ebenso enthält die deutsche Version ein anderes Ende. Wollte Boll seine Figur Bill eigentlich ungestraft davonkommen lassen, so musste er für Deutschland umdisponieren. Ein deutschsprachiger Uncut-Release über Österreich ist jedoch ebenso wie bei Siegburg geplant.

Zusammenfassend kann man Boll wieder einiges vorwerfen, wofür seine Filme quasi stellvertretend stehen. Auch Rampage ist wieder ein schnell heruntergekurbelter Film, der vielmehr durch seine Bilder als durch irgendwelche psychologischen Hintergründe schocken soll. Dazu stoßen einige filmische Mängel. Rampage bleibt aber in seiner Wirkung trotz allem bestehen. Der Film macht genau das, wofür er da ist. Boll schlägt dem geneigten Zuschauer eiskalt ins Gesicht und serviert einen Actionfilm, der sich in seiner Botschaft und Gesellschaftskritik gewaschen hat. Unterm Strich ist Rampage ein Film, der das Genre bereichert.

Fazit: Regisseur Uwe Boll serviert uns eine interessante und schockierende Version eines Amoklaufs.

Daher:

Meine Wertung: 3,5/5

Rampage, Kanada/Deutschland 2009, Regie: Uwe Boll; mit: Brendan Fletcher, Matt Frewer, Lynda Boyd, Michael Pare

Trailer: