Antichrist

Das Pärchen (Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe) merkt beim gemeinsamen Geschlechtsakt nicht, wie ihr Kind auf die Fensterbank klettert und hinunterstürzt. Betroffen vom Tod des Kindes erleidet die Frau einen schweren Schock und bricht bei der Beerdigung zusammen. Der Mann arbeitet als Therapeut und will seine Frau selbst behandeln. Gemeinsam fahren sie zu einer einsamen Waldhütte im „Garten Eden“. Die Frau soll sich dort ihren Ängsten stellen und ihre Trauer verdrängen. Der Heilungsversuch schlägt jedoch fehl, das Paar verstrickt sich immer mehr in Verzweiflung und Selbsthass. Immer tiefer versinken beide Personen in einem Teufelskreis aus Sex und Gewalt, der ziemlich schnell lebensbedrohliche Züge annimmt.

Bereits in der stimmungsvollen schwarz-weißen Eröffnungsszene wird die verstörende Wucht des neuen Films des dänischen Regisseurs Lars von Trier erkennbar. Hilflos muss der Zuschauer in Zeitlupe den Sprung des kleinen Kindes aus dem Fenster miterleben, eine Szene die stilistisch einem Albtraum gleicht. Währenddessen geben sich die Hauptprotagonisten einer fast pornographischen Sexszene hin, die den inneren Zusammenhang zwischen Sexualität und Tod bzw. Zeugung und Sterben verdeutlicht. Lars von Trier schuf seinen Film „Antichrist“ während er selbst unter Depressionen litt. Die filmische Darstellung entspricht daher sehr den eigenen Ängsten des Regisseurs. Herausgekommen ist ein polarisierendes und verstörendes Werk, dass zu Recht bei den 62. Filmfestspiele in Cannes mehr Aufmerksamkeit erregte als der neue Tarantino.

Besonders die explizite Darstellung von Sex und Gewalt dürfte leichtbeseitete Zuschauer allzu oft erschrecken. Hierbei verkommt die Gewalt aber nicht zum Selbstzweck, sondern konkretisiert die Natur des Menschen. Der Film erstreckt sich über weite Teile als Symposium über den Menschen und über das natürlich Schlechte in der Natur. Der vermeintliche Garten Eden entpuppt sich immer mehr als zerstörtes Paradies. Ein sprechender Fuchs kündigt das Unheil an, aus einem Nest fällt ein Jungtier und wird später von der eigenen Mutter verschlungen. In höchst verstörenden, aber gleichfalls schönen und beeindruckenden Bildern verwandelt sich die Natur in eine allumgebende Gefahr. Die Frau hat diese Sichtweise längst akzeptiert, aber ihr Mann merkt nicht, was in ihr vorgeht. Bereits bei ihrem letzten Besuch in der Hütte hatte sie Nachforschungen in alten, kirchlichen Texten angestellt und ist nun von der bösen Natur der Frau überzeugt. Als die Frau erkennt, dass sie nicht von den Schrecken ihrer eigenen Natur fliehen kann, beginnt sie, offensiv dagegen vorzugehen.

„Antichrist“ verstört. Immer wieder tauchen okkulte Symbole am Rande des Geschehens auf. Im Endeffekt bleibt der Film jedoch ein Kunstwerk über Verlust, Depression und Bindungsängste. So wird im Verlauf des Filmes deutlich, dass die Frau bereits früh das Gefühl hatte, dass sich ihr Kind und ihr Mann von ihr entfernen würden. Bereits früh hatte sie ihr Kind misshandelt. Lars von Trier verarbeitet darin sein verstörendes Frauenbild und stellt sein Werk auch in einen Kontext mit der Gewalt und dem Hass gegenüber Frauen, am Ende bleibt jedoch unklar inwieweit sie eine Gefahr für das Kind war. Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe spielen die Rollen richtig intensiv und besonders im Finale wird die schauspielerische Klasse beider Personen erkennbar.

Zusammenfassend ist „Antichrist“ ein verstörender Trip durch großartige Bildwelten und zugleich ein aufwendiges Autorenkino. Sicherlich ist dieser Film schwere Kost und man sollte ihn sich möglichst oft anschauen. Lars von Trier liefert uns jedoch auch ein filmisch herausragendes Werk, dass der Hölle auf Erden ein Kunstwerk setzt. Im Finale kommen die zerstörerischen Ängste des Menschen zum Vorschein, angetrieben von Depressionen und Verlustängsten versucht die Frau die Natur in der Form der Männlichkeit ihres Mannes und ihrer eigenen Weiblichkeit zu bekämpfen. Die Natur als Gegenspieler gegen die Menschlichkeit. Ein starkes Stück Film. Empfehlenswert.

Fazit: Antichrist ist ein verstörender, intensiver und zugleich herausragender Film über die menschliche Natur.

Daher

Meine Wertung: 5/5

Antichrist, Dänemark, Deutschland 2009; Regisseur: Lars von Trier; mit: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg; FSK: 18

Trailer:

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